
Ein Kampfpanzer Leclerc des 1er Régiment de Chasseurs bei der „Strong Europe Tank Challenge“ auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr im Juni 2018 – Foto: U.S. Army / Lacey Justinger.
Um die deutsch-französische Wehrkooperation steht es schlecht. Das Luftkampfsystem FCAS wird wohl aufgegeben oder gesichtswahrend neu konfiguriert. Das zentrale Ziel, die Wehrindustrien beider Länder auf einen gemeinsamen Luftwaffenstandard für Europa einzusteuern, dürfte passé sein. Das zweite Leuchtturmprojekt für ein Landkampfsystem MGCS lag bisher im Windschatten der FCAS Querelen. Dabei geht es um neue Kampfpanzer-Typen, die mit Robotik-Begleitfahrzeugen vernetzt über eine Combat Cloud operieren. Anfang Februar drohte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Interview mit LE MONDE, sollte das FCAS scheitern, stünde auch das gemeinsame Panzervorhaben zur Disposition. Ein Vertrag mit der Industrie für die nächste Entwicklungsphase des MGCS sollte eigentlich bis Ende vergangenen Jahres kommen. Ein erstes Angebot des Industriekonsortiums um KNDS, Rheinmetall und Thales war für Berlin akzeptabel, für Paris zu teuer, so Emmanuel Chiva bei seiner letzten Parlamentsbefragung als Chef von Frankreichs Generaldirektion für Rüstung. Seit Kurzem liegt ein neues Angebot vor, zudem nun verhandelt wird. Deutschland hat seine Verteidigungsausgaben entgrenzt, Frankreich hat diesen Spielraum nicht mehr. Sein Haushalt ist bereits überschuldet. Es wächst die Unruhe. Militärs, Experten und Politiker fürchten eine Panzerlücke.
Frankreichs schwache Panzerflotte
Das französische Heer hat nur noch 200 Kampfpanzer Leclerc, die modernisiert werden. Die Produktionslinie des Panzers wurde schon Anfang der 2000er-Jahre stillgelegt. Das Ökosystem in der Industrie für Panzer verkümmerte in den Jahren der Friedensdividende. Der Bereitschaftsgrad der Leclerc-Flotte gilt in französischen Fachkreisen als schlecht. Reicht dieser schwache Kern bis zum MGCS, das bestenfalls in 15 Jahren kommt? Lange Verzögerungen, Wesensmerkmal großer Rüstungsprojekte, kann sich Frankreich beim Landkampfsystem nicht leisten. Was die französische Unruhe befeuert: Partner Deutschland hat keinen dringenden Bedarf am MGCS. Die Bundeswehr baut ihre Panzerflotte mit der neusten Leopard-2-Version A8 aus; Armeen an der Ostflanke wie Tschechien und Litauen ebenfalls, was die Produktionskosten senkt. Bis Ende des Jahres laufen Studien des Beschaffungsamts bei KNDS, Rheinmetall und Hensoldt für einen Leopard 3 als Brückenlösung zum MGCS. Eine jüngste Analyse des führenden Think Tanks Frankreichs zu Militärfragen, dem Institut français des relations internationales (Ifri), kommt zu dem Schluss, dass Frankreichs Heer als Minimum eine Panzerwaffe von 300 Einheiten benötigt, statt der bisherigen 200. Frankreich will europäische NATO-Rahmennation sein, die Großverbände der Allianz zur Verteidigung der Ostflanke aufbaut und führt. Dafür wären laut ifri-Studie zwei Panzerbrigaden nötig, mit Reserven und Ausbildungsfahrzeugen. Die beiden Senatoren Hélène Conway-Mouret und Hugues Saury im Verteidigungsausschuss fordern ebenfalls 100 zusätzliche Kampfpanzer neuester Generation, um eine Brücke zum MGCS zu schaffen.
Heereschef Schill will eine rasche Robotisierung der Landstreitkräfte
Der Chef des Heeres, General Pierre Schill, ist jedoch kein Freund einer Beschaffung weiterer klassischer Kampfpanzer. Um ihre Aufgaben in der NATO zu übernehmen, würde eine Panzerbrigade für die armée de terre ausreichen und dafür die modernisierten Leclerc, so Schill bei einer Befragung im Senat im November letzten Jahres. „Die ideale Option wäre, dass dieser zukünftige robotergesteuerte Cloud-Panzer früh genug kommt, um die modernisierten Leclerc-Panzer abzulösen. Wenn dies nicht möglich ist, muss eine Zwischenlösung gefunden werden. Und diese Lösung, das sage ich Ihnen ganz klar, kann nicht darin bestehen, 200 Übergangspanzer zu kaufen. Die Kosten für 200 Übergangspanzer würden einen sofortigen Einstieg in die Robotisierung verhindern. Wir dürfen nicht in die Falle einer Zwischenlösung tappen, die kostspielig und schnell veraltet ist.“ Eine rasche Robotisierung der französischen Landstreitkräfte ist ein zentrales Vorhaben Schills. Aus seiner Sicht wird diese Technologie für das Militär schneller reif sein als noch vor ein paar Jahren angenommen. Schill wollte ursprünglich im Sommer dieses Jahres eine erste einsatzfähige Robotik-Einheit aufgestellt haben. Inzwischen wurde dieses Ziel auf 2027 verschoben. Ein verspätetes MGCS oder eine kostenintensive und ineffiziente Brückenlösung: Frankreich drohen diverse Fallen bei der Erneuerung seiner Panzerstreitkräfte.



