Wie das „Sykes-Picot-Abkommen“ zustande kam und bis heute als Erklär-Mythos für die Probleme des Nahen- und Mittleren Ostens wirkt:
Ein Mann, den seine Kollegen „verrückter Mullah“ nennen, betritt an einem Dezembermorgen 1915 Downing Street 10, den Sitz des britischen Premiers in London. Der 36 Jahre alte Unterhausabgeordnete Mark Sykes hat sich einen Namen als Orient-Experte gemacht. Die Karte, die Sykes an diesem Morgen dem Kriegskabinett präsentieren wird, prägt den Nahen und Mittleren Osten bis heute. Der Anlass für Sykes Einladung: Die britische Regierung steht unter Druck, Frankreich ein Angebot zu machen, wie das Osmanische Reich, Verbündeter des Kriegsgegners Deutschland im I. Weltkrieg, zwischen beiden Mächten aufgeteilt wird.

Das Sykes-Picot-Abkommen war Geopolitik nach Gutsherrenart: Blau für Frankreich, Rot für Großbritannien – Foto: Royal Geographical Society / CC-Lizenz / Wikipedia
Triebfeder des Abkommens: Frankreichs Angst
Die Franzosen sind nervös. Zu Beginn des Krieges erfahren sie von britischen Plänen einer Zangenoffensive gegen die Osmanen. Mit einer Landung in der West-Türkei bei Gallipoli soll zugleich eine im Osten bei Alexandretta erfolgen, dem heutigen türkischen Iskenderun. Die Hafenstadt liegt an strategischer Nahtstelle am Mittelmeer, wo heute die Türkei und Syrien zusammenstoßen. Die Angst in Paris: Großbritannien, das schon Ägypten besitzt, will sich im gesamten Osmanischen Reich festsetzen. Erst 1912 haben sich die Franzosen von London die Versicherung geholt, dass die Briten an Libanon und Syrien kein Interesse haben; gerade dort hat Frankreich viel Kapital investiert. Frankreich torpediert die Doppeloffensive der Alliierten gegen die Osmanen, die Landung findet nur in Gallipoli statt. Außerdem macht die französische Diplomatie Druck: Eine Aufteilung der Einflusssphären im Orient soll nun schon vor Kriegsende erfolgen. Weiterlesen





