Der neue Minenkrieg

Lange galten Landminen bei modernen Armeen als Kampfmittel von gestern – gerade noch gut genug für die Kriegsführung von Dritte-Welt-Staaten. Doch der Konflikt mit Russland macht sie für das Militär des Westens wieder zur Waffe der Wahl.

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US-Soldaten beim Entfernen von Landminen 2005 – Foto: US Army / Wikimedia

In der öffentlichen Wahrnehmung sind jedoch gerade Landminen ein Symbol besonders heimtückischer Kriegsführung, weil sie meist nicht zu erkennen sind. Vor allem Dritte-Welt-Staaten setzten dieses Kriegsmittel in den 1990er Jahren weiter umfangreich ein. Das Problem: Auch nach Ende eines bewaffneten Konflikts blieben Minen gefährlich. Denn in der Regel wurden sie nicht geräumt. Minen-Splitterladungen töteten und verstümmelten daher tausende Zivilisten. Die 1999 in Kraft getretene Ottawa-Konvention über ein Verbot von Anti-Personen-Minen gilt daher bis heute als Meilenstein des humanitären Völkerrechts.

Dabei waren Landminen lange eine essenzielle Waffe für westliche Armeen; besonders für die Bundeswehr, als Frontarmee zum Warschauer Pakt. Minenfelder sollten helfen, im Fall eines Angriffs der UdSSR, deren Panzerlegionen zum Stehen zu bringen. Noch heute hat die Bundeswehr aus dieser Zeit mehr als 55.000 Panzerabwehrminen gelagert. Doch nach dem Kalten Krieg wurden Interventionseinsätze in schwache Staaten zur dominanten Form westlicher Kriegsführung. Hier boten Minen kaum einen Mehrwert. Sie verschwanden aus den Konzepten der Militärplaner.

Doch inzwischen setzen westliche Armeen wieder verstärkt auf die Minen-Waffe. Der NATO-Russland-Konflikt seit Moskaus Krim-Annexion ist dafür entscheidend. Gerade die osteuropäischen Allianz-Mitglieder fürchten folgendes Szenario: Mittels hybrider Vorbereitung wie durch Sabotage gegen Infrastruktur schafft sich Russland eine günstige Architektur des Schlachtfelds und greift dann massiv mit seinen Streitkräften an. Da wären Minenfelder bestens geeignet, um Truppen des Angreifers zustoppen und abzunutzen.

„Polens Militärs sind sehr unglücklich über die Beschränkungen der Ottawa-Konvention“ so Marek Swierczynski, Wehrexperte des Beratungsunternehmens Polityka Insight in Warschau. Die Ottawa-Konvention verbietet klassische Anti-Personen-Minen. Jene Typen richten sich nur gegen Menschen und werden „opferausgelöst“, wie es im Militärsprech heißt. Das bedeutet: Die Mine wird beispielsweise gezündet, indem jemand auf sie tritt, egal ob Soldat oder Zivilist. Zudem dürfen Minen laut der Konvention keinen Räumschutz haben, also keinen versteckten Auslösemechanismus. Solche dienen dazu, ein Räumen von Minenfelder durch den Gegner zu erschweren. Ottawa-Unterzeichner Polen erklärte erst im vergangenen Jahr, nun seine gesamten Bestände an solchen Anti-Personen-Minen vernichtet zu haben.

Aber bei erlaubten Minen-Typen, rüstet Polen bereits wieder auf. Beim einheimischen Unternehmen Belma wurden unter anderem 300 Küstenminen gegen Landungsboote geordert sowie eine unbekannte Zahl Anti-Panzerminen. Im Fokus der Polen: Die Ost-Grenze zu Weißrussland. Die dortige weite Ebene hat nur lichte Wälder und wenige Flussläufe, die Bewegungen mechanisierter Einheiten kanalisieren. Mit einem massiven Panzervorstoß von dort könnte Russlands Armee in wenigen Tagen Warschau erreichen.

Polens Streitkräfte hätten zudem gerne eine Million Stück einer standardisierten „NATO-Anti-Invasionsmine“. So lautete im vergangenen Jahr die Forderung der polnischen Delegation bei einer Fachtagung der NATO-Pioniere beim Military Engineering Centre of Excellence der Allianz in Ingolstadt. Details hierzu sind in der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt.

In der NATO und mit Partner-Ländern wird inzwischen rege über Minenkonzepte diskutiert. Dazu äußern will sich das Bündnis auf Anfrage nicht. Erste Kooperationen gibt es bereits. So arbeiten die Niederlande und der enge NATO-Verbündete Finnland gemeinsam daran, für ihre alten Landminen moderne Zünder zu entwickeln. Mit jenen sollen sich die Minen beliebig ein- und ausschalten lassen.

Gerade Finnland widmet sich intensiv der Entwicklung neuer Minen. Das Land hat eine über 1000 Kilometer lange Grenze zu Russland. Ein endloses Flachland, mit kaum natürlichen Hindernissen, das es zu sichern gilt. Deshalb blieb die Minenkriegsführung für den Ottawa-Unterzeichner Finland auch nach dem Kalten Krieg wichtig. Während Deutschlands Wehrfirmen das Marktsegment Landminen seit den 1990er Jahren aufgaben, produzieren sie finnische Unternehmen wie Forcit bis heute.

„Es ist immer sinnvoll, innovativ zu bleiben, um unsere Kampffähigkeiten an Land zu verbessern. Mit der Industrie testen unsere Streitkräfte gerade ein neues Minenmodell“, so Jouko Tuloislea vom Material-Ressort des finnischen Verteidigungsministeriums. Die neue Mine soll Infanterie besonders effektiv bekämpfen, indem sie aufsteigt und ihre Splitterladung von oben auf den Feind streut. Das Ottawa-Verbot für Anti-Personen-Minen würde die neue Mine nicht verletzten, sind die Finnen sicher. Der entscheidende Punkt aus ihrer Sicht. Die Neuentwicklung werde nicht „opferausgelöst“; über ihre Zündung entscheide ein „Man in the loop“. Das heißt, ein Soldat überwacht die Minen. Per Fernzündung jagt er sie erst in die Luft, wenn er feindliche Truppen verifizieren kann.

In diese Richtung wollen auch die deutschen Streitkräfte. Zurzeit prüft das Planungsamt der Bundeswehr das so genannte „System mit der Fähigkeit zum Hemmen und Kanalisieren von Bewegungen“. Jenes wünscht sich das deutsche Heer. Wesentlicher Teil davon wäre eine Mine neuer Generation. Jene ließe sich, in der Sprengwirkung skalierbar, aus der Ferne zünden. Das heißt beispielsweise, einen Panzer ganz zu zerstören oder nur anzusprengen, sodass er liegen bleibt und nachrückende Einheiten blockiert. Ein so genannter „Sperrverantwortlicher“ würde die Minen mit Sensoren wie Drohnen aus der Distanz kontrollieren und in gewünschter Stärke auslösen. Damit könnten „gegnerische Fahrzeuge oder/und abgesessene Schützen bekämpft werden“, so das Heer auf Anfrage.

Auch wenn die neue Mine gezielt wieder Soldaten töten soll, wäre sie wohl konform mit der Ottawa-Konvention, die Deutschland unterzeichnet hat. „So ein System, wenn wirklich so konzipiert, dass ein Mensch die Entscheidung trifft, ob die Waffe aktiviert wird oder nicht, ist konform mit der Konvention“, so die Einschätzung von Thomas Küchenmeister, ehemals Leiter des Aktionsbündnisses Landmine.de, das sich für eine Verbot von Anti-Personen-Minen eingesetzt hat.

In der Tat verbietet die Ottawa-Konvention explizit nur Minen, die automatisch auslösen; ferngezündete Minen erfasst sie nicht. Diese Lücke nutzen Staaten zur Rüstung mit neuen Minen-Typen. Für die heutigen technischen Möglichkeiten ist das Vertragswerk von 1999 nicht mehr zeitgemäß. Ernsthafte Bemühungen aus der Politik, die Konvention anzupassen, gibt es bisher nicht.

Ginge es nach den deutschen Militärs, hätten sie die neuen Minen samt Sensoren und Kontrolleinheit gerne bis 2025. „Ein solches System ist aber auf dem Weltmarkt nicht verfügbar und müsste entwickelt werden“, so ein Sprecher des Heeres. Was Minen für die Bundeswehr wieder interessant macht: Der verstärkte Einsatz dieser günstigen Massen-Kriegstechnik könnte die schmale Kampfkraft der deutschen Streitkräfte entlasten. Laut der Bundeswehr-Denkschrift „Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?“ ist die „fehlende Masse“ an Soldaten Hauptsorge der Heeresplaner, wenn es gegen einen Gegner wie Russland ins Feld ginge. In Kampfszenarien mit einer solchen Militärmacht können innerhalb von Minuten ganze Bataillone – das heißt Hunderte von Mann – ausradiert werden.

Der Einstieg der Bundeswehr in die moderne Minenkriegsführung ist aber noch ungewiss. Absegnen müsste ihn schlussendlich die Politik. Dort dürfte das sensible Thema einer neuen Minenkriegsführung noch zu Debatten führen – Ausgang ungewiss. Erst einmal muss sich die Bundeswehr mit kleinen Brötchen begnügen. In ihren Depots hat die Truppe noch Exemplare des Minelegers 85, benannt nach seinem Einführungsjahr 1985 (Mehr dazu bei Kollege Thomas Wiegold auf augengeradeaus!). Die bringt die Bundeswehr zurzeit auf Vordermann, um überhaupt wieder den Minenkrieg trainieren zu können.

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